| Die Schulen
des bfi Wien & das Europa von Morgen
Die Arbeit der Schule ist verschiedenen gesellschaftlichen,
politischen und wirtschaftlichen Spannungsfeldern ausgesetzt. Die
Schule kann Anforderungen, die sich durch gesellschaftliche Umbrüche
ergeben, auf mehrere Arten erfüllen. Sie kann die SchülerInnen
möglichst gut an die neuen bzw. zu erwartenden Verhältnisse
anpassen, damit sie sich nach dem Abschluss bestmöglich in
die Berufswelt einfügen können. Sie kann aber auch neben
dem unerlässlichen Wissen und den erforderlichen Fertigkeiten
eine Kritikfähigkeit und Haltungen vermitteln, die es den
AbsolventInnen ermöglichen, die Veränder-ungen und die
ihnen zu Grunde liegenden Interessen besser zu erkennen und auch
an diesen Prozessen als bewusst handelnde Subjekte teilzunehmen.
Für eine wirtschaftskundliche Schule sind
die wirtschaftlichen Veränderungen der Gegenwart zentrales
Thema. Eine dieser Veränderungen,
die sich im Rahmen der sogenannten Globalisierung in Europa vollziehen,
ist die europäische Einigung. Diese Einigung kann vordergründig
eine Herstellung eines gemeinsamen Marktes sein. Soll diese neue
europäische Gesellschaft aber Bestand haben, so muss der Zusammenhalt über
die wirtschaftlichen Verbindungen (so wichtig und grundlegend die
auch sind!) hinausgehen und durch ein neues gemeinsames, solidarisches
Bewusstsein vertieft werden. Nur dann wird dieses gemeinsame Projekt
auch krisenfest sein.
Wenn diese Integration nur den Marktgesetzen überlassen
bleibt, wird sie sich auf Kosten der wirtschaftlich Schwachen innerhalb
und außerhalb Europas vollziehen. Deshalb muss die Politik
die Vorherr-schaft über die ökonomischen Vorgänge
wieder gewinnen. Über-nationale Integration statt Zerfall
in verschieden potente wirtschaft-liche Räume sollte das Ziel
sein. Wie weit die europäischen Staaten dieser Integration
fähig sind, hängt von ihrem gesellschaftlichen Zustand
ab. Nur eine alle ihre BürgerInnen integrierende Gesellschaft
mit rechtlicher und sozialer Sicherheit ist in der Lage die über-nationale
Integration durchzuführen. Eine auseinanderfallende Gesell-schaft
hat diese Kraft nicht!
Neben vielen wichtigen Aufgaben der Schule ist
in diesem Zusam-menhang ihre Integrationsleistung für die
Gesellschaft von Bedeutung. Sie bietet für viele junge Menschen
gleiche Möglichkeiten
der Aus-bildung und sie stattet sie mit Fertigkeiten zur Bewältigung
des Lebens aus. Indem sie für viele Menschen diese Möglichkeiten
bietet, trägt sie dazu bei, dass die Gesellschaft nicht auseinander
bricht.
Diesen Anforderungen tragen wir mit unserem Programm in folgender
Weise Rechnung. Zu einer umfassenden aktuellen Berufsbildung bzw.
Allgemeinbildung kommen an unserer Schule folgende Schwerpunkte
hinzu:
Das Zusammenwachsen
Europas mit den osteuropäischen
Nachbarn erleben. Im Rahmen eines Netzes von Schulpartnerschaften
lernen die beteiligten SchülerInnen andere Lebensumstände
und gesellschaftliche Kulturen kennen. Dadurch wird ihnen ein neuer
Blick auf ihre eigene Lebenswelt ermöglicht. Im "Grenzen-Überschreiten" gleichberechtigter
Partner werden bestehende Vorurteile abgebaut. Die selbstverständliche
Zusammen-arbeit verschiedensprachiger SchülerInnen sowohl
in der Schule als auch mit den Partnerschulen (das bedeutet auch
die internationale Kooperation der Übungsfirmen) lassen den
Prozess des europäischen Zusammenwachsens zu einem konkret
erlebbaren werden.
Junge Menschen und auch Schulen zeigen die kreativen
Möglichkeiten
auf, die in einer gemeinsamen europäischen Entwicklung liegen.
Eine interkulturelle Kompetenz
entwickeln. Durch
Reflexion der eigenen Identitäten
in allen Gegenständen lernen SchülerInnen sich selbst und andere
akzeptieren, entwickeln Neugier für andere Kulturen und Personen und erwerben
dadurch die Fähigkeit zum Perspektiven-wechsel. In manchen Klassen arbeiten
eine bosnisch/kroatisch/ serbisch sprechende Kollegin und ein türkisch
sprechender Kollege einen Teil der Unterrichtsstunden im Team mit den jeweiligen
FachkollegInnen zusammen. Unterschiedliche Sprachen und Kulturen, wie die
Teamarbeit können dadurch als Selbstverständlichkeit in einer multikulturellen
Gesellschaft gesehen werden. Diese Qualifikationen werden in den wirtschaftlichen
Arbeitsbereichen, in denen unsere SchülerInnen später tätig
sein werden, von Vorteil sein.
Sprachlehrgänge, Sprachkurse und das Europäische
Sprachenportfolio sowie kulturelle Veranstaltungen, die auch Südosteuropa
und die nichtdeutsche Muttersprache vieler Wiener SchülerInnen
zum Inhalt haben, weisen von der Integration in der eigenen Lebenswelt
Großstadt zur gesamteuropäischen Integration.
Politische Bildung
leben. Die Reaktion unserer Schule
auf gesellschaftliche Prozesse ist gelebte politische Bildung.
Das heißt, dass
die ganze Schule beispielsweise mit unzähligen Programm-punkten
im Rahmen einer Aktionswoche "zusammenleben statt ausgrenzen" den
vergangenen Wiener Gemeinderatswahlkampf kritisch begleitet hat.
Unsere Schülerinnen wissen nicht bloß über Wahlen
Bescheid, sondern organisieren Wahlen in der Schule (z.B. die Schulsprecherwahl)
als politische Ereignisse. Weiters werden Prozesse wie die europäische
Einigung bzw. die Chancen und die Risken einer multikulturellen
Gesellschaft als gesellschaftliche bzw. als politische Herausforderungen
wahrgenommen, die auch gestaltbar sind. Und diese Prozesse verlangen nach StaatsbürgerInnen,
die analysieren, bewerten und sich demokratisch einmischen können!
Karl Pleyl, Manfred Rott im Jahresbericht der Schulen
des bfi-Wien
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